Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 23.09.2021 Hintergrundwissen

    Den Schrecken ablichten.

    Der Amerikanische Bürgerkrieg und die Fotografie




    Es gibt Fotografien von Soldaten des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges (1846-48) und des Krimkrieges (1846-48). Beide Konflikte wurden fotografisch längst nicht in dem Umfang festgehalten wie der Amerikanische Bürgerkrieg der Nordstaaten gegen die Südstaaten (1861-1865). Hunderte von Fotografen waren in eigener Sache oder als Auftragnehmer der Süd- und Nordstaaten unterwegs. Die Fotografen besuchten Lager, Gefängnisse, Hospitäler, Städte und hielten auf tausenden Fotos auf Glas oder Metall das Abbildungswürdige fest. Die Fotografen fotografierten vor allem militärische Ausrüstungsgegenstände, militärisches Personal und die Schauplätze der Auseinandersetzung. Der Amerikanische Bürgerkrieg war der erste größere Krieg, der in diesem Umfang fotografiert wurde.

    Die Situation der Südstaatentruppen wurde im Kriegsverlauf immer schwieriger und damit waren auch die Einsatzmöglichkeiten der in ihrem Auftrag aktiven Fotografen eingeschränkt. Es fehlte ihnen an Chemikalien und Platten. Die meisten Bürgerkriegsaufnahmen stammen deshalb von Norstaatenfotografen. Sie schienen über uneingeschränkte Vorräte an Ausrüstungsgegenständen zu verfügen. Allerdings gab es für sie geographische Beschränkungen. Die Situation im Osten war für die Fotografen insofern günstig, als die Zahl der Schauplätze übersichtlich war und diese relativ nah beieinander lagen. Im Westen des Landes waren die Distanzen zwischen den Schauplätzen groß und das Fotografieren gestaltete sich ungleich schwieriger.

    Die Kollodium-Nassplattenfotografie erforderte Belichtungszeiten von 5 bis 20 Sekunden, so dass Kampfhandlungen nicht aufgenommen werden konnten. Der mit einem Foto verbundene Arbeitsaufwand war erheblich. Die Kameras waren groß und umständlich zu bedienen. Viel Gepäck war notwendig, einschließlich der auf Karren mitgeführten Dunkelkammer. Das Nassplattenverfahren stand nur geschultem Personal zur Verfügung.  Zunächst wurde die Kamera platziert und scharf gestellt. Dann wurde das Kollodium präpariert. Das Anmischen des Kolloquiums aus mehreren Chemikalien war nicht ungefährlich. Die Ergebnisse sind auch aus heutiger Sicht beeindruckend was die Auflösung angeht. Man kann in die Fotos hineinzoomen und viele Details entdecken.

    Die Fotos waren begehrt und fanden eine weite Verbreitung. Nicht nur über Zeitungen. Sie wurden in hohen Stückzahlen verkauft. Viele Rekruten ließen sich vor ihrem Eintritt in den Krieg ablichten oder im Armeelager für wenig Geld fotografieren. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die schockierend realistischen Abbildungen der Kriegsschauplätze kann man nur mit dem Wort Begeisterung beschreiben. Gleichzeitig führte der Blick auf die Folgen der Gemetzel zu einer Desillusionierung. Das in der viktorianischen Zeit von Romantisierung geprägte Bild des Krieges verflog über Nacht. Die Sicht auf den Krieg veränderte sich.

    Gleichwohl schien die größte Faszination über die Schreckens des Krieges von Fotos auszugehen, die tote Soldaten zeigten - einzeln oder in großen Haufen geschichtet. Der geschäftstüchtige Fotograf Mathew Brady, der aus heutiger Sicht als Synonym für die Bürgerkriegsfotografie steht, stellt 1862 in der National Portrait Gallery am Broadway in New York seinen Landsleuten schonungslose Aufnahmen von den Schlachtfeldern und Toten des Amerikanischen Bürgerkriegs vor.  Die Schaulustigen standen Schlange. Kein Wunder dass staatliche Stellen die Präsentation realistischer Bilder der wahren Schrecken des Krieges zunehmend kritisch sahen.

    Christoph Linzbach


    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Centreville,_VA,_Quaker_Guns_in_the_fort_on_the_heights.png#/media/File:Centreville,_VA,_Quaker_Guns_in_the_fort_on_the_heights.png

    https://www.archives.gov/research/still-pictures/civil-war?_ga=2.43398245.1592965882.1631814774-461626284.1631814774