Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 06.10.2021 Hintergrundwissen

    Martin Tscholl

    und der kulturelle Blick auf die Natur





    Martin Tscholl hat einen M.A. in Visual and Media Anthropology und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Naturkundemuseum in Berlin. Er ist ein erfolgreicher mit Preisen ausgezeichneter Fotograf, der Beruf und Fotografie fruchtbar miteinander zu verknüpfen versteht. Bei einem Blick auf die Website des Museums erfährt man, dass einer seiner  Arbeitsschwerpunkte wie folgt lautet: Kulturelle Wahrnehmung und Vermittlung von Natur. Das ist für die Uneingeweihten unter uns erklärungsbedürftig. Das ist wichtig zu verstehen, denn es beschreibt den fachlichen Rahmen, in dem der Fotograf Martin Tscholl tätig ist.

    Der Begriff  Natur scheint zentral zu sein. Wenn man bestimmen möchte, womit sich Martin Tscholl beschäftigt, könnte man versucht sein, sich auf die Definition des Aristoteles zu konzentrieren. Für ihn war Natur etwas, das selbst Form gewinnt und sich von selbst verändert. Der Mensch gibt dem Künstlichen seine Form. Dinge sind danach Natur oder eben keine Natur. Eine philosophische Position, die heute kaum mehr erkenntnisleitend sein kann, gibt es doch auf dieser Erde längst kein Stück Natur mehr, das sich noch unbeeinflusst vom Menschen entwickelt, verändert, abstirbt oder neu bildet.

    Dem Titel seines Arbeitsschwerpunktes „Kulturelle Wahrnehmung und Vermittlung von Natur“ liegt ein anderer Denkansatz zu Grunde. Martin Tscholl zielt nicht auf eine ontologische Unterscheidung zwischen der Natur und dem Künstlichen ab. Er beschäftigt sich mit den Bedeutungen, die Natur für den Menschen hat, die selbstverständlich samt und sonders kulturell geprägt sind.  Die „objektiven“ Eigenschaften von Natur haben nicht sein Augenmerk. Es geht um das Verhältnis des Menschen zur Natur. In welcher Weise prägen verschiedene Kulturen unterschiedliche Naturbegriffe. Wie schauen wir auf die Natur? Wie spiegeln wir die Natur in unserem Bewusstsein. Welche ästhetischen und sozialen Kriterien prägen unser Bild von der Natur? Das sind spannende Fragen, die sich Martin Tscholl und sein Fachdisziplin stellen. Er will aufdecken, wie wir Natur wahrnehmen, bewußt für unseren Einfluss auf Natur machen und damit letztlich auch Natur schützen, sprich menschliche Einflüsse reduzieren, wenn man sie schon nicht ganz abstellen kann.

    Was bedeutet dieser Denkansatz für uns als Landschaftsfotografen, ist eine Frage, die man in diesem Kontext durchaus stellen kann. Was fotografieren wir, wenn wir eine Landschaftsaufnahme machen?  "Landschaft" ist eine ästhetische Kategorie. Menschen und Gruppen von Menschen haben ganz Unterschiedliches Kopf, wenn sie von Landschaft sprechen. "Landschaft" ist ein Idealbild, das wir in unsere Köpfen malen und mit dem abgleichen, was wir vorfinden. "Landschaft" existiert nicht unabhängig von Betrachter. Vor allem ist "Landschaft" eine Stimmung, die den Betrachter überkommt, wenn er einen bestimmten Ausschnitt aus der Natur wahrnimmt. Das "Landschaft" ein Erkennen durch einen Betrachter voraussetzt, sieht man schon daran, dass aus der Antike zumindest in unserem Kulturkreis kaum Landschaftsdarstellungen überliefert sind. In größerem Umfang sind solche Darstellungen erst aus der Renaissance bekannt. Dagegen gibt es Abbildungen von Tieren und Pflanzen sehr viel länger. Die bekannteste Theorie zur Entdeckung der Landschaft in der Natur sieht den entscheidenden Moment in der Besteigung des Mont Ventoux in der Provence durch Petrarca 1335. Das sei der Moment der ersten Landschaftswahrnehmung gewesen. Ob sich dass so ereignet hat oder nicht: Die "Landschaft" ist eine Schöpfung des Menschen sprich die Ästhetisierung eines Stück Natur. Als Landschaftsfotograf sollte man sich bewußt sein, das man einem Idealbild folgt, wenn man auf dem Berg oder im Tal mit der Kamera unterwegs ist. Wenn ich mich ermächtige, eine Stimmung zu suchen, sollte ich auf der anderen Seite bereit sein, meinen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Welchen Preis zahlt die Natur, wenn ich im Kampf mit hundert anderen Fotografen, die dich gedrängt auf wenige Quadratmetern alles platt getreten haben, das schönste Landschaftsfoto nach Hause trage und dann auch noch einen Wettbewerb gewinne? Sicher einen viel zu hohen!

    
Martin Tscholl hat an der Ostkreuzschule Berlin im Seminar Ludwig Rauch Fine Art Photography studiert. Für sein Projekt Fading Lines zeichnete die Jury des ProfiFoto New Talent Awards ihn mit dem zweiten Platz der Best-of-Best 20/21 aus. In dieser Arbeit visualisiert Martin Tscholl das Abschmelzen von Gletschern auf künstlerisch ästhetische Weise. 
„Martin Tscholl stellt unsere Sicht auf die Natur, die aus unendlichen Wechselbeziehungen zwischen den Phänomenen besteht, auf den Kopf. Durch die Fotografie wird eine Struktur auferlegt, um diese schwer fassbaren und getrennten Entitäten wieder miteinander zu verbinden. Die Arbeit hinterfragt unsere eigenen Annahmen und Erfahrungen mit der Natur in einem Zusammenspiel und einer Ordnung von zwei (oder mehr) Bildern“, so Bruun Rasmussen, Auctioneers of Fine Art, Kopenhagen, Dänemark.

    
Martin Tscholl: „Gletscher galten bisher im Menschheitsgedächtnis als natürliche Phänomene, die von der Unendlichkeit und Ewigkeit erzählen. Mittlerweile aber schmilzt das ewige Eis. Die Natur um uns herum verändert sich, ganze Landschaften verschwinden rapide. Jedoch sehen wir die tauenden Gletscher nicht als das, was sie sind, sondern wir sehen in ihnen das, was sie darstellen: Vergänglichkeit. Nicht nur die in der Vorstellung unveränderbare Konstante der Natur ändert sich, sondern auch wir und unser Verhältnis zu ihr. Deshalb bedarf es eines zweiten Blickes, nicht um zu verstehen, sondern zu erkennen. Denn in dem Dahinschmelzen der ewig erschienenen Eismassen, erkennen wir unsere eigene Endlichkeit“.

    Christoph Linzbach



    https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/ueber-uns/team/martin.tscholl


    https://www.martintscholl.com