Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 28.10.2021 Hintergrundwissen

    Digitale Trauer und virtuelle Unsterblichkeit

    Was passiert mit FotografenFotgrafinnenresten im Netz?



    Seit einiger Zeit mehren sich die Berichte über fortgeschrittene Versuche, im Netzt digitale Kopien von Personen zu erstellen. Ein Ziel besteht darin, eine Ersatzfrau oder einen Ersatzmann auf den Platz zu bringen, wenn der reale Mensch müde wird oder ausfällt. Die virtuelle Personen soll in der Lage sein, ersatzweise zu chatten, zu mailen also schlicht weiterzuarbeiten.

    Ebenso soll es mit Hilfe digitaler menschlicher Kopien möglich werden, mit Verstorbenen zu kommunizieren…

    Die Trauer um Tote und der Wunsch mit ihnen in Kontakt zu bleiben, sind Themen die nicht nur in den meisten Religionen eine Rolle spielen, sondern weit darüber hinaus viele Menschen bewegen. Bereits heute wandelt Facebook das  Profil Verstorbener in Gedenkseiten um. Der Wunsch nach aktiver Kommunikation mit den Verstorbenen geht aber deutlich weiter.

    Voraussetzung für ein solches Unterfangen ist ein möglichst genaues Profil einer lebenden oder verstorbenen Person. Eine riesige Datenmenge ist erforderlich, um aus Chat-Nachrichten, Mails, Kommentaren auf Instagram und Facebook, persönlichen Videos sprich allem, was sich auf unseren Smartphones zu finden ist, eine digitale Kopie zu erstellen. Das bedeutet aber auch, dass jeder, der sich einen solchen Klon als Gesprächspartner wünscht, diesen selbst trainieren kann; falls gewünscht ein Leben lang bis zur „Perfektion“.  Offensichtlich ist das Schaffen einer digitalen Kopie aufwendig und kostspielig, was die großen Player natürlich nicht abschreckt.

    Die Onlinezeitschrift Computerwelt meldete im Januar diesen Jahres: „Microsoft hat ein Patent zur Erstellung eines Chatbots angemeldet, das unter anderem auf verstorbenen Menschen basiert.  Anhand von persönlichen Informationen, Sprachaufnahmen und Sprachmustern auf Social Media sollen digitale Klone der Verstorbenen entstehen, mit denen ihre Angehörigen sprechen können. “ Laut Computerwelt soll in dem Patent die Idee enthalten sein, Menschen anhand von Bildern und Videos in 2D- oder 3D-Modelle zu konvertieren.

    Damit hätte sich die Vorstellung vom Weiterleben im Himmel auch als Wunsch endgültig erledigt. Immer mehr Menschen wenden sich von der Religion ab. Die Frage, was nach dem Tod kommt, bleibt. Hier ist die Lücke für digitale Werbeversprechen, die eine Weiterleben in der Cloud in Aussicht stellen. Ein solches Versprechen kann dann eine gewisse Validität für sich reklamieren und damit attraktiv für Kunden und Kundinnen sein, wenn es den Erwartungen der Hinterbliebenen entspricht. Sind die Worte, die der Geistliche im Beerdigungsgottesdienst für den Verstorbenen findet, ohne diesen wirklich zu kennen näher an der Realität, als die Bestimmung einer Persönlichkeit durch einen Algorithmus aus einem Meer an Daten in den Social Media gesammelt?

    Was bedeutet das aber für die Trauerarbeit, die wir alle nach dem Tod eines geliebten Menschen mit dem Ziel leisten, seelische Belastungen zu reduzieren ohne den verstorbenen Menschen zu vergessen oder aus dem Blick zu verlieren? Da kann man schon ethische Bedenken haben, wenn an die Stelle des Verstorbenen eine fiktiver Mensch tritt. Sind sie berechtigt? Tritt an die Stelle der Bewältigung durch Trauerarbeit die Illusion der ewigen Trauer? Oder nur eine andere Art der Illusion des ewigen Lebens wie es uns die Religion verspricht? Wird damit die Trauerarbeit erschwert oder erleichtert?

    Tatsache ist, dass es auf Facebook immer mehr Gedenkseiten gibt, die auf den Profilen Verstorbener aufbauen. Menschen finden sich zu Trauergruppen in den Sozialen Medien zusammen. Es wird immer mehr online getrauert. Und damit verliert die Trauer ein Stück weit ihren privaten Charakter. Das muss nicht schlecht sein. Vielleicht gewinnen wir dadurch wieder ein Stück Gemeinschaft in der Trauer zurück. Statt einsam auf dem Friedhof gemeinsam im Netz trauern?

    Immer mehr Menschen hinterlassen ein digitales Erbe. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs gehen die Nutzungsrechte an einem Social-Media-Account eines Verstorbenen an die Erben über; es sei denn, der Nutzer hat zu Lebzeiten etwas anderes verfügt. Fotografinnen und Fotografen gehören zu dem Teil der Bevölkerung, der digital in den sozialen Medien besonders aktiv unterwegs ist und viele „digitale Reste“ hinterlässt. Möchte ich, dass von mir ein Alter Ego nach meinem Ableben erstellt wird, zu welchem Zweck auch immer? Was soll und darf in mein Alter Ego einfließen? Möchte ich überhaupt algorithmusgestaltet virtuell weiterleben? Die digitale Unsterblichkeit in Zeiten Künstlicher Intelligenz sollte gut vorbereitet sein, denn sie ist wohl unvermeidbar. Die Parole RIP hat ausgedient.

    Literaturhinweis: Moritz Riesewieck und Hans Block: Die digitale Seele. Unsterblich werden im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. ISBN: 3442315417 EAN: 9783442315413 Goldmann Verlag, 2020