Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 01.11.2021 Hintergrundwissen

    Edward Curtis

    The Shadow Catcher




    1896 war Edward Curtis 28 Jahre alt. Er gründete ein Studio für Porträtfotografie in Seattle. Die reichen und berühmten Bürger der Stadt waren seine Kunden. Eines Tages ging er am Strand spazieren und wurde in eine Zeit zurückversetzt, die noch nicht so lange zurücklag, als er eine Frau sah, die Muscheln sammelte. Die Frau war unter dem Namen Princess Angeline bekannt und war die einzige noch verbliebene indigene Bürgerin der Stadt.

    Sie wohnte auf einem Gebiet, das der Abfallentsorgung diente. Die vor Ort seit über 4000 Jahren lebenden Native Americans war umgesiedet worden und sie war die einzige, die sich weigerte, die Stadt zu verlassen. Ihr Vater Noah Sealth war ein Stammesführer gewesen und die Stadt Seattle wurde nach ihm benannt.

    Curtis verhandelte mir ihr den Preis für ein Porträt und nahm sie mit in sein Studio. Die Porträtaufnahme fasziniert ihn. Er hatte das Gefühl, etwas beeindruckendes und wichtiges in seinen Händen zu halten. Er besuchte die Frau am Strand mehrfach und machte zwei weitere Aufnahmen. Damit begann seine Karriere als künstlerisch und kulturell orientierter Fotograf.

    Er wollte der Fotografie mehr abgewinnen als Ruhm und Geld. Er suchte nach einer Bestimmung. Er machte sich auf den Weg und fotografierte  über 100 indigene Stämme in den USA bzw. das was noch von ihnen übrig war. Er wollte das Leben dieser Menschen so detailliert dokumentieren wie nur irgend möglich. Der Plan war ein Werk aus 20 Bänden mit Fotografien und Erläuterungen zu erstellen, die die kulturellen Vielfalt der indigenen Bevölkerung widerspiegel.  

    Der erste Band enthält die programmatische Aussage:

    „The Information that is to be gathered, respecting the mode of life of one of the greatest races of mankind, must be collected at once or the opportunity will be lost forever.“

    Die Bände sollten einer nach dem anderen gefertigt werden und der Verkauf eines Bandes sollte den nächsten finanzieren. Ihm war sehr bewußt, dass dies eine Aufgabe für Jahrzehnte war. Zusätzlich machte er Stimmaufnahmen mit Hilfe von Phonographenwalzen und sammelt unzählige Gegenstände, die stellvertretend für eine absterbende Kultur standen. Die Finanzierung des gesamten Projektes konnte er nur mit einer großzügigen Unterstützung von J. P. Morgan, einem US-amerikansichen Unternehmer und einflussreichen Bankier erreichen. Es heißt, das er dessen hartnäckigen Widerstand mit einem Foto brach, dass ein Indianerkind zeigt. Curtis arbeitete 30 Jahre an seinem Projekt.

    Das J. P. Morgan überzeugende Foto ist in dem empfehlenswerten Buch von Timothy Egan abgebildet, dass viele seiner Porträts, wunderbare Landschaften und Aufnahmen zeigt, die das Leben der Native Americans anschaulich machen. Wenn man in dem Buch blättert, wird deutlich, warum die  Aufnahmen von Curtis bei der Suche nach geeignet Locations für Hollywood Filme als Vorlage und Suchhinweis dienten. Sie entstanden mit Großformatkameras unter großen Mühen ausschließlich unter Verwendung von natürlichen Licht. Nicht ohne Grund wurde ihm der Name Shadow Catcher gegeben.

    Warum es in Seattle keine Straße und Museum gibt, die nach ihm benannt sind, ist schwer verständlich. Doch allmählich werden sich die Einwohner der Stadt der Bedeutung dieses Fotografen bewußt.

    Christoph Linzbach

    Timothy Egan: Short Nights of the Shadow Catcher. The Epic Life and Immortal Photographs of Edward Curtis. 2013

    Https://www.youtube.com/watch?v=7NaAT2lnckg