Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 04.11.2021 Hintergrundwissen

    Ghost Photography in New York

    William H. Mumler





    In gewissem Sinne waren die ersten Fotografen Neoromantiker, die mit ihrem Werk die Lücke zwischen den Toten und den Lebenden schlossen. Die Porträts, die sie ablieferten, hatten gerade für die Hinterbliebenen etwas mystisches. Die Vergangenheit wurde wieder ein Stück weit lebendig. Sie wurde mit dem Foto wieder greifbar und erlebbar. Die Kameras dokumentierten das Leben der Verstorbenen und so war es damals durchaus naheliegend, ihnen weitere Fähigkeiten zuzubilligen. Konnten sie nicht in das Leben eines Menschen eindringen?

    Die Fotografie wurde auch als eine Art „schwarze Magie“ angesehen. Ein Hauch von Okkultismus schwang beim Gang zum Fotografen immer mit. Magische Momente der Beschwörung standen bevor. Das muss für die Fotografinnen und Fotografen eine wunderbare Zeit gewesen sein.

    William H. Mumler hatte sein Fotostudio auf dem Broadway 630 in New York. Er wurde der Fotograf, der Geister ablichtete. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts faszinierte die Fotografie die Menschen als immer noch neues, etwas geheimnisvolles und aufregendes Medium. Es war die Zeit als der Fotograf Mumler nach einer zufälligen Entdeckung begann, sich für Doppelbelichtungen zu interessieren.

    Eines Tages ließ er eine bereits belichtete Platte im Apparat und machte eine Doppelbelichtung, die sein Porträt und eine junge Dame zeigte, die wie ein Geist schemenhaft aus den Wolken kommend auf dem Foto im Hintergrund erschien. Einem befreundeten Spiritualisten sagte er scherzhaft, dass es sich um seine verstorbene Cousine handele. Das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es hieß Mumler könne Tote ablichten. Dem Medium der Fotografie wurden schnell übernatürliche Kräfte zugesprochen.

    Nach dem Ende des Sezessionskriegs fand seine  Geisterfotografie großen Anklang bei den Hinterbliebenen der toten Soldaten. Es trauerten viele Witwen, deren Männer nie aus dem Krieg zurückgekommen waren und die nicht zum Trost ihrer Hinterbliebenen beerdigt werden konnten. Viele glaubten, dass den Toten die Möglichkeit genommen worden sei, friedlich ins Jenseits zu wandern. Ihre Geister seien gefangen. Die Geisterfotografie schien jetzt die Möglichkeit zu bieten, mit den Toten in Kontakt zu treten und doch noch den Frieden mit dem Verlust eines geliebten Menschen zu machen.

    Mumler arbeitete mit Ähnlichkeiten im Erscheinungsbild. Er nutzte Platten mit Soldatenabbildungen, die Ähnlichkeiten mit dem Verstorbenen aufwiesen und belichtete sie neu bzw doppelt mit der Witwe oder anderen Angehörigen. Es funktionierte. Es schien sich tatsächlich um Kriegstote zu handeln, die auf dem Foto wie Geister im Hintergrund schemenhaft posierten. So wurden sie von den Angehörigen identifiziert und damit als "echte " Angehörige beglaubigt.

    Die Schlange vor dem Studio wurde immer länger. Seine Fotos waren fünf mal so teuer wie die der Konkurrenzen, was diese keineswegs freundlich aufnahm. Zu seinen Kunden gehörten Sir Arthur Conan Doyle und die Witwe des Präsidenten Abraham Lincolns, die zuvor selbst im Weißen Haus spiritualistisch unterwegs gewesen war und Séancen inszeniert hatte. Irgendwann machte sich der Betrugvorwurf breit und der Bürgermeister lies sein Arbeitsmaterial überprüfen. Er wurde vor Gericht gestellt aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

    Mumler hat nie behauptet, Geister fotografieren zu können. Er hat sich nie zu seinem Schwindel bekannt. Die Filmindustrie hat seine Methode aufgegriffen wie in dem Streifen Twin Peaks gut nachzuvollziehen ist.

    Christoph Linzbach