Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 11.11.2021 Hintergrundwissen

    Bruce Gilden ...

    ... oder die ultimative fotografische Konfrontation




    Bruce Gilden war im wesentlichen Autodidakt. Seltsame Charaktere interessierten ihn. Eigenheiten erregten seine Aufmerksamkeit. Er fotografierte Menschen, die sich unterschieden, aus der Masse herausragten und über Alleinstellungsmerkmale verfügten, was Kleidung, Physiognomie oder Verhalten anging. Dicke oder dünne Menschen fotografierte er auf Coney Island. Nicht einfühlsam sondern die vermeintlichen Defizite fotografisch bloßstellend, direkt und manchmal befremdlich für den Betrachter. Intime Momente sollen entlarvt und offengelegt werden. Das war sein Ding.

    Er wartet auf sein Opfer. Zwei drei schnelle Schritte und er baut sich vor dem ausgewählten Motiv auf, zündet den Blitz und machmal folgte der Ärger auf dem Fuße. Der Blitz kontrastiert. Er hebt das Motiv vom Hintergrund ab und steigert damit den Eindruck des Besonderen und Skurrilen. Manchmal so scheint es nimmt er den Menschen ihre Würde. Respekt und Zurückhaltung waren nicht sein Ding.

    Bruce Gilden besuchte Japan in den 90er Jahren mehrfach. In diesem Jahr ist ein Bildband veröffentlich worden, der seine Japanbilder zeigt. Streetphotography mit derselben brutalen Intimität betrieben wie wir das von seinen Aufnahmen aus New York kennen. Seine Fotos müssen nach Straße riechen, sonst sind sie aus seiner Sicht nicht gut.

     „To me, street photography is where you can smell the street, feel the dirt“

    Wie aus dem Hinterhalt wartete er und überfällt auch in Tokio befremdlich wirkende Charktere, traurige Gestalten und gebrochene Seelen. Yakuza Verbrecher hautnah abgelichtet stellen sofort die Frage, wie er das nur überleben konnte. Wenn es denn Yakuza waren. Der Betrachter gleicht die Fotos mit den Bildern ab, die er aus Kino und Fernsehen kennt. Das muss doch ein Gangster sein. Der mit dem brutal wirkenden Gesicht, der in seine Tasche nach der Waffe greift, die man nicht sieht aber vermutet. Das Foto wirkt bedrohlich. So etwas muss man erst einmal hinbekommen. Oder ist er ein Geschäftsmann in der Mittagspause wie die Bildunterschrift suggeriert?

    Woher kommt diese Vorliebe ja Obsession für das Skurrile, die Bedrohung und die Entlarvung. Bruce Gilden wuchs in Brooklyn auf immer in der Nähe von Gewalt. Seinen Vater beschreibt er als Mafiatyp. Seine Mutter endete in der Psychiatrie. Vielleicht sind es die Dämonen aus dieser Zeit, die er bekämpft. Jedes Foto ein Stück Teufelsaustreibung? Oder Konfrontation mit dem Teufel so wie er seine Opfer mit seiner Kamera konfrontiert?


    Auf der Seite von Magnum werden sein Fotos angeboten. Das Buch ist etwas günstiger.

    Christoph Linzbach

    https://www.magnumphotos.com/shop/collections/bruce-gilden-collection/tokyo-japan-1996/

    https://guardianbookshop.com/bruce-gilden-cherry-blossom-9780500545553