Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 18.11.2021 Hintergrundwissen

    Können Bilder sprechen? II

    Einige Denkanstöße zu einem nicht ganz unkomplizierten Thema.




    Es gib eine Reihe fototheoretischer Ansätze, aber eine Bildwissenschaft,  die das Genre Fotografie bereits erschlossen hätte und das Handwerkszeug für eine nachvollziebare Bildanalyse zur Verfügung stellt, ist  nicht in Sicht. Wir haben gesehen, dass Bilder nichtsprachliche Zeichen sind. Dennoch orientieren sich fototheoretische Ansätze an der Kategorien und Begriffen der sprachlichen Kommunikation. Kein Wunder denn die Sprache ist unser wohl ausgefeiltestes Instrument, um die Welt zu verstehen. Menschen nutzen ihre Sprache, um Bilder zu interpretieren. Was die Sprache mit der Fotografie bzw. was sie mit nichtsprachlichen Zeichen macht, hat Philosophen und Fototheoretiker beschäftigt. Hier nur drei kleine Ausschnitte, die nicht mehr sein können als eine Anregung zum Weiterlesen.

    Es sind oft allgemeine zeichentheoretische Überlegungen, in der Rahmen etwas über die Fotografie ausgesagt wird.  An erster Stelle, historisch gesehen (1893), zu nennen ist Charles S. Peirce. Er gilt als einer Begründer des Semiotik. Für ihn standen die Funktion der nichtsprachlichen Zeichen im Vordergrund. Er unterscheidet drei Klassen von Zeichen: Simile, Indikatoren und Symbole. Die Entwurfzeichnung eines Architekten ahmt das noch zu erstellende Original nach. Sie hat für ihn als Zeichen die Qualität eines Simile. Fotografien können für ihn nachahmenden Charakter auch wenn sie nur auf eine Idee „der Sache“ verweisen. Daneben können aus seiner Sicht Fotografien wie Indikatoren auf etwas anderes hindeuten, wie der Donner auf ein Gewitter oder eine Explosion. Fotografien können auch Indikatoren sein. Peirce schrieb „Alles, was uns erschreckt, ist ein Indikator“ Ein Indikator muss keine Ähnlichkeit haben, mit dem auf das er verweist. Damit waren an dem Zeichenbegriff orientierte wichtige wenn auch noch rudimentäre Grundlagen für eine Theorie der Fotografie gelegt.

    Rosalind Kraus stelle die Fotografie in den 1970er Jahren in das Zentrum ihrer theoretischen Überlegungen und greift die Ausführungen von Peirce zum Index auf. Ein Kernsatz ihres philosophischen Werkes zum Thema Fotografie lautet. „Ihre Vermögen besteht darin, dass sie ein Index ist…“ Für Kraus steht die Art des Zustandekommens einer Fotografie im Vordergrund. Aus ihrer Sicht kommt in der Malerei das gestaltende Bewusstsein des Menschen zum Ausdruck, was bei der Fotografie, bei der es nur um physikalische Aufzeichnung geht, ausgeschlossen bleibt. Wenn einem  Foto nur die Fähigkeit zur Abbildung zugewiesen wird, kann es kulturell nicht codiert sein. Es ist zunächst einmal für sich betrachtet bedeutungslos. Fotos müssen bzw. werden mit Bedeutung aufgeladen. Man könnte zum Werdegang eines Foto formulieren: Von der bedeutungslosen Reflexion zum bedeutungsgeladenen Bild. Der Mensch lädt nachträglich das Foto mit Bedeutung auf. „Eine Bedeutungslosigkeit umgibt sie (Fotografie), die nur durch das Hinzufügen eines Textes aufgefüllt werden kann“

    Roland Barthes beginnt 1980 sein berühmtes Werk: „Die helle Kammer. Ausführungen zur Fotografie“ mit dem Satz: „Ich sehe die Augen, die die Augen des Kaisers gesehen haben“ Dieses Erlebnis schlägt bei ihm ein wie ein Blitz als er eine Fotografie des jüngsten Bruders Napoleons in den Händen hält. Der Kaiser ist längst Vergangenheit, aber die Fotografie hält sein Spur fest. Auch für Barthes ist die physische Verbindung zwischen dem Abgebildeten und der Fotografie essentiell. Bei ihm kommt die zeitliche Dimension hinzu. Die Fotografie schaffte eine dauerhafte Beziehung zu einem Objekt, dass längst verschwunden sein kann. Eine pardoxe Gleichzeitigkeit von Anwesenheit und Abwesenheit.

    Roland Barthes schreibt aber auch über Themen wie Index, Code und kulturellem Konstrukt in Zusammenhang mit der Fotografie, aus der das Vergangene hervorgeht. Ein Gemälde oder eine Zeichnung ist immer von einem Stil des Künstlers geprägt, der zwischen Reproduktion und Wirklichkeit vermittelt. Ein Gemälde beinhaltet eine codierte Botschaft, ein Foto zunächst nicht. Es ist zumindest in der Theorie ein Analogen der Wirklichkeit ohne jede kulturelle Überformung. Barthes räumt ein, dass dieses Analogen nur in der Theorie geben kann, denn sobald die Rezeption durch den Betrachter einsetzt, kommen kulturelle Codes und Setzungen ins Spiel. Ein Foto kann nur in  den Augen des Betrachter Bedeutung gewinnen. Sobald der Betrachters beginnt, das Foto zu sehen, beginnt er zu interpretieren, hat es seine ursprüngliche Bedeutungslosigkeit oder anders ausgedrückt seine kulturelle Unschuld verloren. Der ursprünglichen Zustand des Fotos ist dem  Mensch nicht zugänglich.

    Das Thema Sprache und Fotografie ist vielgestaltig. Das spiegelt sich in den genannten fototheoretischen Ansätzen und Erklärungsversuchen wieder, die bis in die Gegenwart hineinwirken.  Man kann auf die Syntax der Sprache schauen und eine ähnliche Ordnung in der Fotografie suchen. Man kann auf die basalen Funktionen schauen, die eine Fotografie als Zeichen haben kann. Man kann eine Fotografie als Emanation des Vergangenen verstehen, die das Vergangene nicht als Referenten in die Gegenwart holt, sondern die Sache selbst. Oder man kann behaupten, das Fotos in der Betrachtung durch den Menschen ihre Bedeutungslosigkeit verlieren, die sie vorher inne hatten. Drei Ansätze die vielfach diskutiert, in Teilen heute nicht mehr haltbar sind, aber die Debatte um die Besonderheiten der Fotografie weitergebracht haben. Darin liegt ihr Verdienst. Viel weiter ist man nicht gekommen, behaupte ich. Stimmt das?

    Wer mehr lesen möchte, wird fündig in  „Einführung in die Semiotik“ von Umberto Eco als UTB Taschenbuch erschienen oder in „Theorien der Fotografie“ von Peter Geimer erschienen im Junius Verlag.

    Christoph Linzbach