Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 29.11.2021 Hintergrundwissen

    Von Kameras und Waffen und…

    … einer unheilvollen Beziehung



    „Die Kamera als Waffe - Propaganda-Bilder des zweiten Weltkrieges“ ist der Titel einer Textsammlung, die im Verlag Edition Text und Kritik 2010 erschienen ist. Als Foto-MG wurde eine in einem Kampfflugzeug eingebaute Kamera bezeichnet, die parallel zum Visier der Bordwaffe ausgerichtet war. Auf Google Play beginnt der Werbetext für eine mobile App: „Beginnen Sie Ihre Reise durch die Welt der Waffen mit eWeapons™ Waffen Kamera 3D Waffe Simulator. Mit einer der besten Schießen Spiele. Sie werden viel Spaß und beste virtuelle Schusswaffen auf Ihrem Handy haben.“

    Der Zusammenhang zwischen der Nutzung einer Waffe und dem Gebrauch einer Kamera wird in unserer Sprache vielfältig abgebildet. Eine ganz neue Wendung hat das Thema erfahren, als am 21. Oktober 2021 Halyna Hutschins am Filmset hinter der Kamera stehend durch eine Schuss tödlich verletzt wurde. Ein Ereignis das das Thema der Verknüpfung von Waffe und Kamera in ein besonders tragisches Licht rückt. Aus meiner Sicht nicht der einzige Anlass, um die teils ungute Beziehung der Film- und Fotobranche mit Schusswaffen etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

    Alfred Hitchcock hat gesagt: „It seems to me that television is exactly like a gun. Your enjoyment of it is determined by which end of it you’re on“

    Waffen sind Tötungsinstrmente und zugleich Symbole der Macht und ultimativen Selbstermächtigung über andere. Filme zeigen Geschichten, Handlungen und Emotionen, die ganz wesentlich um Waffen kreisen und von dem Gebrauch von Waffen getragen werden. Manche bedienen sich ganz selbstverständlich einer waffenorientierten Sprache im Film wie im Alltag. Wir schießen Fotos und bewundern den besten Schuss; gemeint ist das beste Foto. Oder wir sagen: „Den Schuss darf ich nicht verpassen“

    Es gibt also einen Zusammenhang von Waffen und Kameras. Waffen sind einfach eine coole Sache so die Botschaft der Aktionfilme und vieler Videospiele. Jungs spielen gerne mit Spielzeugwaffen. Mit einer Kamera ein Objekt ins Visier zu nehmen, ist ein ähnlicher Vorgang wie das Anvisieren eine Zieles mit einer Waffe. Das gilt für beide Enden. Ein Fotografierter mag Bedrohung und Unwohlsein empfinden. Er oder sie will nicht zum Objekt degradiert werden. In einem bestimmten Sinn produzieren beide Prozesse potentielle Opfer und Täter.

    Die Entwicklung von Kameras stand von Anfang an im Lichte der Analogien zu Waffen.  Der Franzose Marey erfand im Jahre  1883 die chronofotografische Flinte. Damit konnte man sich bewegende Objekte im Raum anvisieren. Sie war mit einem Magazin ausgestattet, dass keine Kugeln sondern eine Filmrolle enthielt. 12 Bilder pro Sekunde waren möglich. Der Janssen-Revolver wurde 1874 von dem Astronomen Pierre Jules César Janssen erfunden, der damit die Chronofotografie begründete. Der drehende Zylinder des Revolvers des Erfinders Samuel Colt diente als Vorbild für die Konstruktion. Eine Waffe die den sogenannten „Western“ d.h. ein immer noch beliebtes Filmgenre inspirierte. Bekannt für ihre „fotowaffentechnischen“ Produkte waren die Kamerawerke Krasnogorsk, die in den 60er Jahren die sogenannten Fotosniper produzierten. Eine Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv und Pistolengriff.

    Die Analogiebildung ging und geht über die Waffe hinaus und bezieht sich zum Beispiel auf das Halfter sprich die Halterung des Waffe. Michael Zhang schreibt 2012 auf Petapixel in Anspielung auf eine Halterung für eine Kamera: „If you were challenged to a duel by a renegade photographer, how quickly would you be able to draw your lens? Would you be able to Quikdraw? Wanting a better way to swap lenses on-the-go, Phoenix-based photographer and engineer Riley Kimball came up with the brilliant why-didn’t-I-think-of-that idea of a lens holster belt based around lens mounts. His product is called the Quidraw.“

    Die Hersteller greifen bei der Entwicklung von Kamerazubehör gerne auf militärische Standards zurück wie beispielsweise im Falle von Laufschienen, auf denen Kameras befestigt werden können. Sie dienten ursprünglich als Waffenhalter.

    Hollywood mit seiner Verstrickung mit der Waffenkultur und den Nutzern von Waffen hat sich für Hersteller von Kameraausrüstung positiv ausgewirkt. Waffen gehören zur amerikanischen Kultur wie dies in kaum einem anderen Land der Fall ist. Hollywood gehört zu den wichtigsten Exporteuren dieser Kultur durch ikonische Filme mit waffenbestückten Helden. Auf einen Nenner gebracht könnte man formulieren: Die Kamera fördert den Waffenverkauf und Waffen machen Lust auf Kameras bei Leuten, denen Waffen zu gefährlich sind.

    Grund genug für Psychologen zu fragen, ob im realen Leben die Kamera nicht für manchen einen Ersatz zur Waffe darstellt, sicher weniger schadensträchtig in einem körperlichen Sinn aber mit einem vergleichbaren Gefühl der Befriedigung verbunden? Das Marketing von Waffen und Kameras ist jedenfalls nicht weit voneinander entfernt. Ist die Kamera die sozial akzeptierte Alternative zur Waffe? Nicht nur in den USA?  Die Kamerahersteller wissen um die engen Bezüge und kennen die heimliche Lust einiger Käufer, die Kamera als Ersatzbefriedigung zu nutzen. Das Anvisieren ist, so  eine These, eine Gemeinsamkeit in der Handhabung von Kameras und Waffen, ohne das kein „Schuss“ erfolgen kann. Das spiegelt sich in ihrem Marketing wider.

    Natürlich kann und muss man das Thema auch aus der gegenläufigen Perspektive betrachten. Die ambitionierten Amateurfotografen in unserem Verband haben rein gar nichts im Sinn mit Waffen auch nicht mit Kameras als Surrogat.  Sinn und Zweck des Fotografierens ist, Freude und kein Leid zu bereiten: auf beiden Seiten der Kamera.

    Wenn auf der Safari das Gewehr durch eine Kamera mit einem Tele bestückt ersetzt wird, dann ist das, so Susan Sontag, ein unverkennbarer zivilisatorischer Fortschritt. Eine Ersatzbefriedigung, die keine körperlichen Wunden verursacht und niemanden tötet, ist für jede Gesellschaft die erstrebenswertere Lösung.

    Doch auch das ist für uns Amateurfotografen kein Trost. Wir lieben Tiere, wollen sie schützen und unsere Safarieerlebnisse in Afrika dienen heute ganz praktisch dem Tierschutz. Wir tragen mit unserer amitionierten Fotografie zum Schutz von Flora und Fauna bei. Amateurfotografen sind Treiber der positiven Entwicklung, dass selbst die entferntesten Bezüge zwischen Waffen und Kameras ganz allmählich in der Versenkung verschwinden. Wir wissen um unsere Verantwortung. Sensibilitäten bestehen gleichwohl immer noch.

    Kein Streetphotographer muss sein Metier aufgeben, weil er oder sie Menschen „ins Visier“ nimmt und ablichtet. Die andauernde Diskussion gerade zu diesem Thema zeigt aber, dass es in der Fotografie mehr oder weniger sensible Bereich gibt und es ethischer Standards bedarf. Wir müssen uns bewusst machen, was wir tun, wenn wir Menschen fotografieren. Es geht um Respekt. Die hohe Sensibilität, die wir in Deutschland bei diesem Thema erleben und als Fotografen oft genug zu spüren bekommen, ist sicher auch Ausdruck der Tatsache, dass Menschen aus einer Vielzahl von Gründen Fotografen nicht mehr unvoreingenommen begegnen. Einige Gründe habe ich genannt. Die Kamerahersteller sollten sich bewußt werden, dass es keiner an Gewalt angelehnter Sprache bedarf, um erfolgreich zu sein. Das Fotografieren kann eine unglaublich lustvolle und friedvolle Tätigkeit sein. Wir sollten die Fotografie deshalb von einer Kultur der Gewalt befreien. Die Sprache zu ändern, die ja bekanntlich nicht nur  Wirklichkeit abbildet sondern auch Wirklichkeit schafft, wäre ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Daran haben wir Amateurfotografen ein großes Interesse.

    Christoph Linzbach

    https://www.thephoblographer.com/2017/10/26/doryu-2-16-subminiature-camera-probably-didnt-know/