Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 09.12.2021 Hintergrundwissen

    Hexen in unserer Zeit?



    Die Augsburger Zeitung berichtete 2019, das der letzte Hexenprozess in Europa erst 75 Jahre zurückliegt. Die Schottin Helen Duncan wurde kurz vor Ende des Zeiten Weltkrieges ins Gefängnis geworfen, weil man sie als Gefahr für die britische Bevölkerung ansah. Die schottische Wahrsagerin war die letzte Frau, die in Europa als Hexe verurteilt wurde. Der sechsfachen Mutter wurde ein wohl in Vergessenheit geratendes Gesetz von 1735 zum Verhängnis, dass das Heraufbeschwören von Toten unter Strafe stellte. Mit der klassischen Hexenverfolgung hatte dieser Prozess eher wenig zu tun. Das Gesetz diente lediglich als Vorwand, um Helen Duncan anklagen zu können. Sie soll den Geist eines Matrosen wieder auferweckt haben, der mit einem Kriegsschiff der Marine untergegeben und ertrunken war.  30000 bis 50000 Menschen, überwiegend Frauen wurden zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert in Europa als Hexen und Zauberer hingerichtet. Der Vorwurf war in der Regel Schädigung von Menschen, Tieren oder Ernte durch Zauberei.

    Das sollte man sich vor Augen halten, wenn man in der FAZ vom 02.12.21 das Reiseblatt aufschlägt und liest: „In Ghana ist es nicht schwer, unliebsame Frauen zu verbrennen. Die Fotografien Ann-Christine Woher hat sie aufgesucht und ihre Bilder zu einem erschütternden Buch zusammengestellt“  Hexenverfolgung ist ein Phänomen, dass in Europa noch nicht so lange zurückliegt, wie wir das glauben mögen. Das Buch trägt den Titel „Witches in Exile“.

    „Erzählt  wird hier die Geschichte von Frauen, die, als Hexen stigmatisiert, dem Tod nur knapp entkommen sind. Noch heute werden weltweit Frauen Opfer von Gewalt, die auf dem Hexenglauben gründet, allein in Afrika sind es tausende…“ So der Verlag. Im Norden Ghanas hat Ann-Christine Woehrl Frauen getroffen, denen genau das widerfuhr. „Von ihren Familien verstoßen und aus ihren Dörfern vertrieben, fanden sie Zuflucht in so genannten Hexendörfern. Mit ihrer konzeptionellen Porträtserie vor schwarzem Hintergrund zeigt die Fotografin in einer einfühlsamen Studie, wer diese Frauen sind – in all ihrer Würde und mit all ihrem Stolz.“

    Der in der Tat sehr bewegenden Bildband ist im Kehrer Verlag erschienen. Das Menschen vom Teufel besessen seien oder der Hexerei beschuldigt werden, beruht auf einem Aberglauben, der in Europa als längst überwunden gilt. In Ghana ist das anders: Die Ursachen für Krankheit oder Dürre vermuten Menschen in Ghana immer noch allzu oft  in der Hexerei. Bedrohung und Verfolgung zwingen die beschuldigten Frauen, ihre Heimat zu verlassen und in sogenannten Hexendöfern Zuflucht zu suchen. Die Gründe für die Vertreibung sind oft profaner Natur. Neid, Missgunst oder schlicht der Wunsch, einen Menschen leiden zu sehen, führt zu Vorwürfen, denen sich Frauen in Ghana kaum erwehren können. Einige Dörfer nehmen Frauen auf, die der Hexerei bezichtigt werden.

    Im Jahre 2009 gründete Felix Riedel den  Förderverein "Hilfe für Hexenjagdflüchtlinge.“.Er stieß im Rahmen seiner Feldforschung über Hexenjagden in Ghana auf insgesamt acht Fluchtorte, in denen teilweise prekäre Bedingungen herrschten. Hunger, Mangelernährung, harte Arbeit und Krankheiten kennzeichnete das Leben der ausgestoßenen Frauen. Er hat Interviews mit 160 Hexenjagdflüchtlingen durchgeführt, betreut Opfer der Hexenjagd  und betreibt Fundraising für Projekte mit Hexenjagdflüchtlingen in Nordghana. Er ist weltweit einer der wenigen Experten für Opfer von Hexenverfolgung.

    Auf der Website „Hilfe für Hexenjagdflüchlinge“ sind Fallbeispiele zu finden, die keiner weiteren Kommentierung bedürfen. Es werden Geschichten über angeklagte Frauen erzählt, die in den Fluchtorten oft bis zum Ende ihres Lebens isoliert und auf sich gestellt leben müssen.

    „Ama lebte ursprünglich in einem Dorf zwei Autofahrstunden von Gushiegu entfernt.  Als eines von sechs Kindern einer Bauernfamilie, besuchte sie keine Schule, heiratete früh einen Bauern. Sie brachte vier Kinder zur Welt. Beide bestellten ihre eigenen Felder. Außerdem führte sie eine Frauengruppe an, welche auf die finanzielle und gesellschaftliche Verbesserung der Position der Frauen im Dorf hinarbeitet.
    Ihre Anklage trifft sie völlig unvorbereitet. An einem Sonntagmorgen ist ein verlängerter Gottesdienst mit Gebeten für Kranke in der Kirche im Dorf geplant. Ama geht , im Gegensatz zur Familie ihres Mannes, nicht zum Gottesdienst, da sie noch Arbeiten zu erledigen hat. Als für die Kranken und ihre Heilung gebetet wird, fällt ein junges Mädchen aus der Familie ihres Mannes zu Boden und zuckt. Dies ist nicht unüblich in diesen Gottesdiensten. Der Grund hierfür soll der Heilige Geist sein, welcher in die Person fährt, um sie zu heilen oder den Grund für ihre Krankheit anzuzeigen. Das junge Mädchen, welches seit längerem unter Schlafstörungen und Schmerzen leidet, sagt, dass Ama sie durch Hexerei attackiert und mit einer Krankheit angesteckt habe. Der Heilige Geist habe ihr das gezeigt. Ama sei eine Hexe und wolle die Familie ihres Mannes angreifen und zerstören. Diese Anklage wird vom Pastor der Kirche unterstützt und so werden Rufe nach Rache laut.
    (….)
    Der Mob beginnt Ama zu schlagen, um ein Geständnis aus ihr heraus zu bekommen. Ihr Mann, der versucht sie zu verteidigen wird ebenfalls schwer verletzt. Schließlich tragen die Leute Ama aus dem Dorf, in die Nähe eines Flusses und foltern sie dort stundenlang. Sie wird getreten, bespuckt und wird mehrmals ohnmächtig. Schließlich fügen ihre Peiniger ihr auch noch mit Rasierklingen Wunden am kompletten Körper zu und lassen die ohnmächtige Frau zum Sterben zurück.
    (…)
    Ama wird nach sieben Stunden, in denen sie zwischen unerträglichen Schmerzen und Bewusstlosigkeit verletzt in der Sonne gelegen hat, von einem Freund ihres Mannes gefunden. Er stellt fest, dass sie noch am Leben ist und lässt sie so schnell wie möglich nach Gushiegu in ein Krankenhaus bringen. Sie entkommt nur knapp dem Tod. Nachdem sie nach mehreren Wochen das Krankenhaus verlassen kann, ist klar, dass sie nicht in ihr Dorf zurückkehren kann. Zu groß ist die Angst vor weiteren Gewalttaten oder neuen Anklagen. Aus diesem Grund lässt sie sich im Fluchtort bei Gushiegu nieder und lebt seitdem hier.
    (….)
    Ob es sich bei der Anklage um ein Komplott der Familie ihres Mannes handelt, in der Absicht, sie loszuwerden, oder das Mädchen tatsächlich krank und von der Anklage überzeugt war, weiß Ama nicht.“

    Christoph Linzbach

    https://www.bundesverband-ethnologie.de/webvisitenkarte/59

    https://hexenjagden.de/moderne-hexenjagden-ein-aktuelles-problem/fallbeispiele/

    https://www.kehrerverlag.com/de/ann-christine-woehrl-witches-in-excile-978-3-96900-053-3

    https://www.witches-in-exile.art