Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 16.12.2021 Hintergrundwissen

    Tony Vaccaro



    Tony Vaccaro, heute 102 Jahre alt, war gerade einmal 20 Jahre jung als er mit den US-amerikanischen Truppen in der Normandie an Land ging. Die Waffe in der einen Hand und die Kamera in der anderen. Er hatte sich zuvor für die Position als Armeefotograf beworben, wurde aber als zu jung abgelehnt. Das Fotografieren im Einsatz war ihm damit eigentlich verboten. Das hielt ihn nicht ab. Seine vorgesetzten Offiziere halfen ihm, auch ohne offiziellen Auftrag seiner Berufung nachzugehen.

    Der in Pennsylvania geborene Vaccaro machte 8000 Fotos mit seiner 35 mm Argus C3. Eine 35 mm Kameras, die 1939 auf den Markt gekommen und mit 39 Dollar für die damalige Zeit relativ günstig zu erwerben war. Sie wurde bis 1966 mehr als zwei Millionen Mal produziert. Ihr Spitzname war „the brick“ wegen der Form, des Gewichts und weil sie nahezu unverwüstlich und zudem leicht zu reparieren  war. Eines der erfolgreichsten Kameramodelle in der Geschichte der Fotografie. Vaccaro machte sie berühmt.

    Er dokumentierte den Krieg in Belgien, Luxemburg, Deutschland und Frankreich. Er war 272 Tage im Einsatz und fotografierte alles was er sah. Zweimal wurde er verwundet. Heute digitalisiert er gemeinsam mit einem Assistenten seine Negative. Sie rekonstruieren und notieren alles, was die Kamera festgehalten hat so exakt wie das nach so langer Zeit möglich ist. Dazu gehören Weihnachtspakete aus der Heimat, die ihrer Bestimmung nicht mehr zugeführt werden konnten, weil die Empfänger im Kampf gefallen waren. Er dokumentiert die letzten Momente im Leben der Soldaten und zeigt die Toten neben im Dreck liegenden Fotos ihrer Angehörigen. Mutter und Vater dicht an dicht mit dem toten Sohn. Er zeigt nicht die Helden sondern Menschen in Uniform, die ihre Familie bis zum Schluss in ihren Taschen eng am Herzen trugen. Zu seinen letzten Fotos in Europa gehören Szenen der Befreiung, die ebenso anrührend sind wie die vielen Aufnahmen von Kampf, Tod und Verlust.

    Erst 50 Jahre nach dem Krieg wurden erstmalig einige seiner Aufnahmen publiziert. Wie hatte er all die Fotos machen können, woher kam das Filmmaterial und wie hatte er diesen Schatz bewahren und sicher durch die Kriegswirren bringen können? Auf dem Vormarsch fand sich in vielen Städten ein Geschäft, in dem er sowohl Filme „bekam“ oder vielleicht sollte man sagen „organisierte“ wie die notwendigen Chemikalien. Er nutzte Helme, so seine Erzählung, um die Negative nachts zu entwickeln.

    Seine Fotos waren ungestellter sprich „more candid“ als das Material, dass die meisten anderen fotografierenden Soldaten mit nach Hause brachten. Er war so eng integriert in die Einheit, in der er seinen Dienst absolvierte, das die Vertrautheit mit den anderen Soldaten nicht hätte größer sein können. "The intimacy was at such a level that if I aimed a camera, they didn't react to it.“ Als Soldat zu fotografieren bedeutete ständig vor der Wahl zu stehen, die Waffe oder die Kamera zu nutzen. Die Gefahr, die mit dem Fotografieren im Einsatz einher ging, war ihm jederzeit bewußt. „Sometimes I was scared because I felt that while I was taking photographs perhaps the Nazis would kill me, would shoot me, so what I did was to work very quickly. Many times I didn't even look through the viewfinder, I just shot.“

    Nach dem Krieg arbeitete Vaccaro als professioneller Porträt- und Modefotograf unter anderem für Magazine wie „Life“ und „Look“. Er machte Aufnahmen von Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Pablo Picasso and Sophia Loren. Mehr als einmal kehrte er an die Kriegsschauplätze seiner Jugend zurück, die er so eindrücklich fotografisch festgehalten hat. Er bedauert heute, dass die Welt die Lehren aus den Schrecken des 2. Weltkrieges nicht gezogen hat. "One of the greatest thing we should have, we don't have. A Department of Peace, we don't have it.“

    Noch im hohen Alter hat er 2020 dem Corona Virus getrotzt. Ein milder Verlauf hielt ihn nur einige Tage im Krankenhaus fest.

    Christoph Linzbach