Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 23.12.2021 Hintergrundwissen

    Baldwin und Watriss

    Gründer des Festivals FotoFest in Houston



    Frederick C. Baldwin, der Mitbegründer des in den USA wichtigsten Fotofestival, dem Houston FotoFest ist im Alter von 92 Jahren gestorben.  Ein wertgeschätzter Fotograf, der für viele ein leuchtendes Beispiel für Großzügigkeit war.  

    Im Alter von 26 Jahren konnte man ihn wohl kaum als einen fertigen Fotografen bezeichnen. Er hatte eigentlich nichts vorzuweisen, dennoch gelang es ihm, in das Wohnhaus von Pablo Picasso im Süden Frankreichs zu kommen und den berühmten Maler abzulichten. Die dort entstandenen Fotos waren der Grundstein für eine Karriere, die ihn in die Antarktis, nach Indien und Afghanistan führte. Er wurde ein wichtiger Fotograf der Civil Rights Movement in den USA. Was uns jedoch am meisten in Erinnerung bleiben wird, ist die Gründung eines der wichtigsten  Fotofestival der Welt 1986 zusammen mit seiner Frau Wendy Watriss in Houston.

    Mark Sealy, der einflussreiche britische Kurator und Direktor der  Autograph ABP Agency in London sagte über ihn: “When you met Fred and Wendy, you were struck by how genuinely open they were.   …And they were open at a time when a lot of cultural organisations around the world simply were not. They really believed in providing a space for different types of photography. That’s what drove them.”

    Baldwin hatte Sealy beauftragt, die Ausstellung African Cosmologies: Photography, Time and the Other zu kurieren,  die 30 afrikanische Künstler in der 18. Ausgabe des Fotofest im März 2020 zeigte. Die Wahl fiel nicht von ungefähr auf Sealy, waren doch beide weltanschaulich nah beieinander. Ein Blick auf die Webseite von Autograph zeigt das anschaulich: „Autograph’s mission is to enable the public to explore identity, representation, human rights and social justice through work produced by artists who use photography and film.“ Das FotoFest ist bekannt dafür, britischen Fotografen mit schwarzer Hautfarbe finanzielle Unterstützung und Ausstellungsmöglichkeiten zu bieten, die sie im Vereinigten Königreich nicht haben. Baldwin nutzte das Fotofestival, um politischen Position von Minderheiten Raum zu geben, lange bevor dies in der Szene Trend wurde.

    Seine Großzügigkeit gegenüber Fotografen ausserhalb der USA, die sich noch keinen Namen machen konnten, war legendär. Beispielsweise der bekannte Fotojournalist und Aktivist Shahidul Alam, aus Bangladesh, der später eng mit dem FotoFest kooperierte, erinnert sich mit den folgenden Worten an Baldwin: “I had never met them before, …There was no reason for them to know me. I made a cold call and turned up at Houston. Not only was I received with wonderful warmth. They fed me, took me round Fotofest and offered me their couch to sleep on. I was used to such hospitality for strangers in Bangladesh. I hadn't expected it in the US. We stayed friends ever since.“

    Baldwins Verhältnis zur Fotografie beschreibt das folgende Zitat: “What was magical for me was that a little tiny camera could serve as a passport to the world, as a key to opening every lock and every cupboard of investigation and curiosity,” Die Gründung des FotoFests war die Folge eines lang aufgestauten Ärgers über die Ignoranz, mit der die etablierte Kunstwelt der Fotografie begegnete. Das FotoFest traf einen Nerv, wuchs schnell und stetig in den Folgejahren und sicherte sich weltweit einen hervorragenden Namen.

    Baldwin und Watriss gehören zu den wichtigsten Dokumentarfotografen der USA. Das zeigen sie überzeugend in den 2010 erschienenen Buch Looking at the U.S.: 1957-1986. Verlag schilt pub. Der Bildband spiegelt einen ungewöhnlichen Blick auf das kulturelle und politische Leben in der USA über eine Zeitraum von drei Jahrzehnten wider. Das verbindende Element der Fotografien ist ein sozialgeschichtlicher Blick jenseits von Cliches und Rassengrenzen. Die Vietnamarbeiten von Watriss zeigen die entwürdigende Behandlungen, die die Veteranen dieses Krieges durch die US-Amerikanische Regierung erfahren haben. Baldwins Arbeiten zur Bürgerrechtsbewegung zeigen verarmte weiße Amerikaner in ihrem Kampf um Würde und Gerechtigkeit.

    Die Fotografin und der Fotograf finden heute in den USA uneingeschränkte öffentliche Anerkennung. Auf der Website des Art in Embassy Programms des U.S. Department of State, das sich die Förderung der Kultur durch Ausstellung in Botschaften und diplomatischen Vertretung auf der ganzen Welt zur Aufgabe gemacht hat, finden sich folgende Ausführungen anläßlich einer den beiden gewidmeten Ausstellung:

    „The work on display touches on some of the most important historic events of the last half century in the U.S. – the Civil Rights Movement, Ku Klux Klan, Vietnam War, American drug culture, Feminism, and local and national politics, to name a few. They traveled with and photographed well-known figures from that era, including Martin Luther King Jr., John F. Kennedy and Robert Kennedy. Beyond the big stories, they immersed themselves in local issues in various parts of the South. They documented rural life, poverty, and the struggles for survival and dignity in small communities throughout Texas over an extended period of 13 years of self-initiated investigations.“

    Neutral gehaltene Formulierungen aber immerhin eine offizielle Anerkennung und ein stilles Bekenntnis zur politischen Bedeutung der beiden Fotografen.

    Christoph Linzbach

    https://fotofest-org.translate.goog/?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=sc