Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 12.01.2022 Hintergrundwissen

    Beziehungsstatus offen am Bodensee….

    ….auch für Fotografinnen und Fotografen von Interesse




    Seit dem 19. Jahrhundert beeinflussen und befruchten sich die klassischen bildenden  Künste wie die Malerei und die damals neu aufkommende Fotografie. Anfangs kritisch beäugt, gehört die Fotografie heute ganz selbstverständlich zum System der Künste, die wie kommunizierende Röhren miteinander verbunden sind.

    Einer der sprachmächtigsten deutschen Schriftsteller Arno Schmidt war ein begeisterter Fotograf. Viele Regisseurinnen wie Franziska Stünkel kommen aus dem Metier der Fotografie. So mancher Schauspieler wie Lars Eidinger ist begeisterter Fotograf, der anspruchsvolle Arbeiten abliefert. Der Trompeter Til Brönner besitzt eine eigene Website „Till Brönner Photography“, die sich sehen lassen kann.

    Der Maler Eberhard Havekost , Vertreter der Leipziger Schule, malt fast immer nach digitalen Bildvorlagen. Er zieht die Bildidee aus der Vorlage. Gerhard Richter sagte 1972 in einem Interview auf die Frage, warum die Fotografie in seiner Kunst eine so große Rolle spiele. „Weil ich überrascht war vom Foto, das wir alle täglich so massenhaft benutzen. Ich konnte es plötzlich anders sehen, als Bild, das ohne all die konventionellen Kriterien, die ich vordem mit Kunst verband, mir eine andere Sicht vermittelte. Es hatte keinen Stil, keine Komposition, kein Urteil, es befreite mich vom persönlichen Erleben, es hatte erstmal gar nichts, war reines Bild. Deshalb wollte ich es haben, zeigen – nicht als Mittel für eine Malerei benutzen, sondern die Malerei als Mittel für das Foto verwenden.“ Eine Aussage die jeder Hierarchie der Künste den Boden unter den Füßen wegzieht.

    Noch bis zum 24. April läuft im Zeppelin Museum am Bodensee die Ausstellung „Beziehungsstatus offen. Kunst und Literatur am Bodensee“, die wie ich finde gerade für Fotografinnen und Fotografen interessant ist, auch wenn die Fotografie nicht dezidiert zum Programm gehört.

    Aus der Ankündigung:


    „Der Eine langweilte sich, der Andere vergnügte sich, die Nächste fand im See die eigene Seele wieder. Ob Annette von Droste-Hülshoff, Hermann Hesse und Hans Purrmann, Martin Walser und André Ficus oder Henry van de Velde und René Schickele: Zahlreiche Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die am Bodensee lebten, pflegten enge Verbindungen. Die interdisziplinäre Ausstellung nimmt den Bodensee als kreativen Schaffensort in den Blick und untersucht die wechselseitigen Beziehungen zwischen Literatur und Kunst.“

    Der wunderbare Bodensee ist auch ein kreativer Schaffensort für die Fotografie. Die Bilderbuchlandschaft kann im Nebel bedrückend wirken und im Sturm Angst verbreiten. Für Landschafts- und Naturfotografen ist der Bodensee ein Eldorado.

    Die Ausstellung im Zeppelinmuseum zeigt anschaulich, wie eine Künstlergemeinschaft in dieser Landschaft und mit Blick auf diese Landschaft Kunst produzierend lebt, sich gegenseitig beeinflusst und wirkt. Sie ist damit eine wahre Fundgrube für künstlerisch ambitionierte Fotografinnen und Fotografen, die aus der Auseinandersetzung der anderen Künstler, seien es nun Maler oder Schriftstller mit dem See und seiner Umgebung enorm profitieren können. Allemal besser und ertragreicher als die Websites, die Ratschläge erteilen, wo man fotografieren sollte. Das führt im Ergebnis zu Repliken der gängigen, gefälligen Landschaftsfotografie, die auch ihre Berechtigung hat und die auch mich, wenn sie gut gemacht ist, in ihren Bann zieht. Wer mehr oder anderes will, muss seinen Geist schulen. Die Ausstellung ist der richtige Ort hierfür.


    Vielleicht zufällig aber ganz passend hierzu findet am 09. Februar im Museum Rosenegg in Kreuzlingen der Vortrag „Meister der Kamera“ statt, der wie folgt angekündigt wird:

    „Der Vortrag lässt anhand zahlreicher Bildbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Geschichte der Fotografie am Bodensee im 20. Jahrhundert Revue passieren. Die Aufnahmen von Hans Baumgartner, Saskia Egloff, Martha Gubler, Marta Hoepffner, Heinz Hajek-Halke, Roland Iselin, Siegfried Lauterwasser u.v.m. zeigen die technischen und kunstgeschichtlichen Veränderungen des Mediums auf und geben Einblick in gesellschaftliche Veränderungen. Der Schwerpunkt der ausgewählten Beispiele liegt auf der künstlerischen Fotografie, unter Berücksichtigung verschiedener Facetten der Alltags- und Gebrauchsfotografie. Die Auswahl orientiert sich aber auch an Gesichtspunkten wie: Welche Personen sind für die Fotografenszene der Region prägend? Welche der fotografischen Strömungen sind hier wichtig geworden? In welcher Beziehung steht die Fotografie zur Malerei?“

    Wie klein und übersichtlich die Welt der Kunst doch ist!

    Christoph Linzbach


    https://www.zeppelin-museum.de/de/ausstellungen/ausstellung?id=163