Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 23.03.2022 Hintergrundwissen

    Die Fotografin Bettina Flitner, ihr neues Buch…

    … und noch viel mehr



    Die Fotografin Bettina Flitner hat ein Buch publiziert, das fast ohne Bilder auskommt. Ein Buch in dem sie den Suizid ihrer Schwester aufarbeitet. In den Zwischentönen des Deutschlandfunks gibt die Fotografin der Moderatorin Maja Ellmenreich Einblicke in ihr fast 300 Seiten starkes Buchprojekt, seine Entstehungsgeschichte und ihre Beweggründe, über diesen schmerzhaften Verlust zu schreiben. Und sie erzählt noch viel mehr.

    Bettina Fliter ist eine Fotografin mit Haltung, die schwierige Themen anpackt wie Gewalt gegen Frauen und Rechtsradikalismus. Nichts darf totgeschwiegen werden, ist ihr Credo, weil das Schweigen über Probleme alles nur noch schlimmer macht. Für die Fotografin ist das Schlechte oder Böse oder wie man auch immer die Phänomene nennen möchte, die man beim Blick in menschliche Abgründe entdeckt nichts Exotisches. Nichts was man nur am Rande der Gesellschaft finden kann, sondern mitten unter uns.

    Sie setzt mit ihren Arbeiten auf aufgeklärte und mündige  Betrachter, von denen sie eine  eigene Meinung und eigenes Urteil erwartet. Sie eröffnet Interpretationsräume, indem sie Bilder sprechen läßt. Sie weigert sich, dem Leser offensichtliche Interpretationshilfen zu geben, wofür sie heftig kritisiert wurde. Sie fügt Aussagen der Fotografierten in Form Texten hinzu, die für manche Betrachter in der Vergangenheit eine zu schwere Kost darstellten. Die Fotografin verweigert aber konsequent Erklärtexte, die ihre Haltung erläutern. Bildet euch eigenes Urteil und wartet nicht darauf, dass ich euch sage, was ihr denken sollt, so die Botschaft.

    Sie empfindet bei ihren Porträtarbeiten keine Ehrfurcht vor  bekannten oder gar berühmten Persönlichkeiten, die sie beim Fotografieren behindern könnte. Respekt ja aber gleich verteilt auf alle Menschen, mit denen sie arbeitet. Eines ihrer Fotos von Angela Merkel läßt der ehemaligen Bundeskanzlerin die Flügel des Bundesadlers aus dem Rücken wachsen. Der Kanzlerin war dies bewußt. Das zeugt vom Humor der beiden Frauen. Und vom Spaß am Fotografieren, der der Fotografin wichtig ist. Und von der Suche nach dem besonderen Bild, auf die sie sich akribisch vorbereitet, ohne spontane Eingebungen außer Acht zu lassen.

    Alle Menschen wollen in ihrem tiefsten Inneren gesehen werden, ist einer der Kernsätze des Interviews, der für sich genommen eine Sendung des Deutschlandfunks wert gewesen wäre. Was bedeutet dieser Satz für die Fotografie der Bettina Flitner? Insbesondere wenn sie Männer im Bordell oder Rechtsradikale fotografiert. Der eigenen Überzeugung etwas Besonderes zu sein, kann wohl niemand entgehen. Der Satz markiert auch eine Erwartungshaltung auf der Seite des Fotografierten. Das scheint für die Fotografin kein Problem darzustellen. Im Gegenteil es eröffnet ihr die Möglichkeit, Menschen in Situationen zu fotografieren, die moralisch oder politisch nicht den Standards der Gesellschaft entsprechen. Sie  bedient die Erwartung des Fotografierten ohne damit ihre künstlerische Freiheit oder ihre Überzeugungen aufzugeben. Und gleichzeitig bedient sie sich der Erwartungshaltung des Gegenüber, um offen zu legen. Sie entlarvt das radikale, ausnutzende, übergriffige, gewalttätige Gegenüber zwischen Großmannssucht und Erbärmlichkeit. Sie ist eine Aktivistin, die mit einem klarem Kompass missbilligt, ohne jede Sympathie für die „Täter“. Das tiefste Innere kommt mit ihren Fotos ans Licht und läßt uns am Entwicklungsstand der Menschheit zweifeln.

    Das Buch „Meine Schwester“ klettert in den Bestsellerlisten aktuell immer höher. Die einen berühmten Namen tragende Fotografin denkt, dass Ihre Schwester, die sich vor 5 Jahren das Leben genommen hat, stolz auf das Buch gewesen wäre. Das Buch entstand ungeplant. Spontan am Computer. Der Verlag ermuntert sie und der Erfolg gibt beiden recht. Sehr eindringlich beschreibt sie in dem Interview den Verlust und den Prozess, die eigene Schwester über das Schreiben wieder ein Stück weit ins Leben zurückzuholen. So jetzt kommt der Cliffhanger. Hört das Interview im Deutschlandfunk nach und besorgt euch das Buch.


    https://www.deutschlandfunk.de/fotografin-bettina-flitner-originalfassung-mit-musik-100.html