Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 11.04.2022 Hintergrundwissen

    Ein Fotograf hält die Chronologie der Zerstörung des „Ukrainischen Stalingrads“ fest.

    Stanislav Ostrous





    Stanislav Ostrous hat sein Leben riskiert, als er die Architektur Charkiws während der Angriffe der russischen Aggressoren fotografierte. Charkiw gehört zu den ersten ukrainischen Städte, die von den russischen Kräften bombardiert wurden. Stanislav Ostrous zählt zu den wichtigsten und bekanntesten Fotografen im Nordosten der Ukraine. Vor dem Krieg galt sein Interesse vor allem der konzeptuellen Fotografie. Er lehrt Fotografie an der staatlichen Kulturakademie in Charkiw.

    Die Stadt liegt gerade einmal 27 Kilometer entfernt von der russischen Grenzen. Sie ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine mit 1.4 Mio Einwohner. Mit 42 Universitäten und Hochschulen ist sie das nach Kiew wichtigste Wissenschafts- und Bildungszentrum des Landes. Offensichtlich für die russische Seite Gründe, um Charkiw frühzeitig ins Visier zu nehmen und in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

    Charkiw war im Zeiten Weltkrieg ein sehr bedeutendes strategisches Objekt, als  Verkehrsknoten und wegen der Rüstungsindustrie. Im Oktober 1941 eroberten deutsche Truppen die Stadt. Die Säuberungen Stalins hatten in Charkiw einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Zahlreiche Einwohner begrüßten die einrückenden Einheiten der Wehrmacht mit Brot und Salz. Kurz danach begann der deutsche Terror gegen die Zivilbevölkerung. Dem Massaker von Dobyzky fiel die jüdische Bevölkerung der Stadt zum Opfer. Im Mai 1942 scheiterte ein sowjetischer Befreiungsversuch. 1943 eroberte die Wehrmacht Charkiw zurück. Ein großer Teil der Stadt wurde in den Kämpfen zerstört. Die deutschen Besatzer etablierten auch in Charkiw den sogenannten Hungerplan, nach dem die in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten produzierten Lebensmittel an die deutschen Besatzungstruppen geliefert werden mußten. Allein der Hungerplan kostete 30.000 Menschen in Charkiw das Leben.

    Zunächst begann die russische Armee, die Randbereiche der Stadt zu bombardieren, bevor nach dem 10 März 2022 Bomben und Raketen im Stadtzentrum explodierten. Der Lehrbetrieb der Akademie wurde eingestellt. Viele der Studenten, die Ostrous unterrichtete, mussten die Stadt verlassen. Die Bombardements wurden immer heftiger. Die Stadt die nicht in die Hände der Aggressoren fiel, wurde bald als das "Ukrainische Stalingrad" bezeichnet.

    Charkiw war vor den russischen Bombardements eine der wohlhabenderen Städte der Ukraine. Die Architektur der russischen Moderne stand in einem unübersehbaren Gegensatz zu den im Stil der Art Nouveau zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebauten Gebäude. Am 23. März berichtete der Bürgermeister, dass 1143 Gebäude in Charkiw zerstört worden seien, wovon 998 Wohngebäude waren. Ein architektonisches Highlight nach dem anderen wurde vernichtet. Diese Gebäude bildeten den Hintergrund für die frühen fotografischen Arbeiten von Stanislav Ostrous. Mitte März begann er damit, die Zerstörung zu dokumentieren. Keine leichte Aufgabe, die ihn mehrfach in Lebensgefahr brachte. Seine Studenten unterrichtet er derweil online weiter.

    Auf zwei Online-Veranstaltungen in dieser Woche, die über die Website der Deutschen Fotografische Akademie zugänglich sind, wird hingewiesen.

    Christoph Linzbach

    #11 "Exhibiting Russian and Ukrainian Artists?" - Live Zoomtalk mit Nadiia Bernard-Kovalchuk, researcher, curator, Museum of Kharkiv School of Photography
    Monday 11.April, 1 PM (CET):
    https://us02web.zoom.us/j/86835338761?pwd=bEN5TXd1ZzNmWi9zK1hXbW1Ra0pBQT09



    #12 "An Exhibition and a Library to Resist" - Live Zoomtalk mit Nadiia Bernard-Kovalchuk, researcher, curator, Museum of Kharkiv School of Photography
    Thursday 14.April, 1 PM (CET):
    https://us02web.zoom.us/j/89773308706?pwd=TWZwWjNKdnhXVkgvdUVGL09rZDh1UT09


    https://ostrous.com/