Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 18.07.2022 Hintergrundwissen

    Bild und Titel…

    …welcher Titel passt zu welchem Bild und welche kommen besser ohne aus.



    Die Frage nach dem richtigen Titel für ein Foto, das man der Öffentlichkeit präsentieren möchte, beschäftigt nicht nur Amateurfotograf:innen sondern auch professionelle Künstler:innen, die mit ihrer Fotografie nach Geld und Ruhm streben. Braucht es überhaupt einen Titel und wann sollte man ihn besser weglassen? Wirkt mein Bild besser mit oder ohne Titel? Feste Regeln scheint es hier nicht zu geben.

    Zunächst stellt sich doch die Frage, wie Menschen Worte und Sätze aufnehmen und wie sie Bilder verarbeiten. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, will man Antworten auf die Fragen finden. Worte, Sätze geschrieben oder gesprochen funktionieren in der menschlichen Kommunikation anders als Bilder.

    Bilder sprechen zu uns. Ein Bild versteht man  in der Regel viel schneller als Texte. Ein Bild vermittelt ein  komplexe Situation in einer Millisekunde. Bilder können Objekte und Situationen viel besser abbilden als Texte. Sie vermitteln sehr gut Stimmungen. Die Vermittlung  derselben Situation mit Worten dauert länger. Worte muss man im Gehirn in ein Bild übersetzen. Bei der Betrachtung eines Bildes entfällt diese Übersetzungsleistung.

    Auf der anderen Seite können Texte/Titel notwendig sein, um das Bild in einen Kontext zu setzen bzw. ihm einen Sinn zu geben. Manchmal wird erst durch einen Titel die Bildnachricht verständlich. Heute verstehen wir ein Foto des brennenden World Trade Center, assoziieren mit dem Foto die unterschiedlichsten Informationen. Wir können es ohne Erläuterung in unterschiedliche Kontexte einordnen. Aber wie sieht das in 500 Jahren aus? Vielleicht kommen wir dann ohne Bildtitel nicht mehr aus.

    Texte können für uns kommunikativ etwas leisten, was Bilder nicht leisten können. Das gilt auch umgekehrt.

    Im Alltag werden Bilder meistens ohnehin in Sprache eingebettet. Das Foto in der Zeitung oder die Bilder im Fernsehen sind fast immer mit Sprache verknüpft. Selbst wenn wir in eine Fotoausstellung gehen, sind die gehängten Werke mit Sprache verknüpft. Es gibt Titel oder Hinweise. Menschen sind wie die Experten sagen multimodal unterwegs. Wir sprechen, sehen und empfinden gleichzeitig. Wir sehen, lesen und fühlen nicht isoliert voneinander sondern nutzen verschiedene Sinneskanäle zur Übermittlung von Informationen parallel.

    Bilder liefern dem Betrachter eine Vielfalt von Informationen und Einzelaussagen. Man spricht auch vom Bedeutungsüberschuss des Bildes. Ein Titel kann  eingrenzen, worauf es dem Fotografen im Bild ankommt. Damit ist klar, dass ein Titel ein Bild zum Sprechen bringen kann, dort wo es nicht von sich aus spricht oder keine eindeutige Botschaft sendet. Was nicht im Bild enthalten ist, kann ich dagegen nicht durch einen Titel kompensieren. Aber der Titel kann priorisieren und den Betrachter lenken.Aus dem Gesagten geht hervor, dass die Kombination aus Bild und Titel den Leser als Einheit anspricht. Im besten Fall werden Bild und Text zu einem Werk, das mit mir spricht.

    Ein Titel macht Sinn, wenn er dem Betrachter in der Verknüpfung mit dem Bild eine wesentliche Zusatzinformation liefert. Ein Bild mit Titel kann uns einen neuen Horizont eröffnen, eine neue Welt, die uns ohne Titel verschlossen geblieben wäre. Das ist in der Regel nicht der Fall, wenn der Titel nur das aufgreift, was der Leser im Bild schon gesehen und für sich verarbeitet hat. Ein Bild das einen niedergeschlagenen Menschen porträtiert, sollte man nicht mit dem Begriff  „Traurigkeit“ betiteln.  Wenn in einem Bild Armut und Reichtum klar kontrastiert werden, dann ist klar, dass ein Bildtitel „Gegensätze“ dem Betrachter keine zusätzliche Erkenntnis bringt. Ärgerlich wenn der Sportreporter nur das versprachlicht, was die laufenden Bilder eh schon zeigen.

    Hier möchte ich noch auf einen anderen Aspekt hinweisen. Bilder die leicht zu konsumieren sind, sind in der Regel weniger spannend als uneindeutige oder mehrdeutige Bilder. Wir lassen uns gerne von Bildern verzaubern. Rätselhafte Bilder mit verschiedene Bedeutungsebenen scheinen sich - so mein Eindruck - besonders gut für die Verwendung eines Titels zu eignen. Das Bild ist rätselhaft und wir suchen nach Erklärungen. Wir schauen gebannt auf den Titel. Er soll das Rätsel lösen.

    Der Fotograf will aber sein Bild nicht vollständig entschlüsseln. Vielleicht will er dem  Betrachter diese Aufgabe überlassen. Ein Titel muss nicht zwingend das Bild verständlicher machen, sondern kann im Gegenteil zu seiner Verrätselung beitragen. Ein Titel muss nicht zwingend die Geheimnisse eines Bildes lüften. Er kann auch einfach nur die Stimmung verstärken, damit die Magie des guten Fotos bewahrt bleibt, die wir so lieben.

    In der Werbung wird viel Gehirnschmalz auf die Verknüpfung von Text und Bild verwendet. Es werden Spannungen, Überraschungen,  Übertreibungen etc. generiert. Damit soll Aufmerksamkeit erzeugt und/oder ein Argument entwickelt werden. In der Werbung steht das Bild im Vordergrund, der Text dient dem Verständnis, der Konturierung  und der Verstärkung der  Werbebotschaft. Es lohnt sich den Werbeprofis auf die Fingen zu schauen, wie sie Sprache einsetzen.

    Künstlerisch orientierte Fotograf:innen wollen keine Werbebotschaften senden, sondern in vielen Fällen eine Idee oder ein Konzept vermitteln. Ein Titel kann helfen, den Inhalt zu verstehen. Umgekehrt  bedeutet das: Wo keine Bildidee vorhanden ist, braucht es auch  keinen Titel. Das kann man für die  Kunst des 20. Jahrhundert festhalten, die sich der Vermittlung von Ideen oder Konzepten verpflichtet gefühlt sah. Die künstlerische Fotografie ist bis heute davon geprägt. Dozent:innen an Fotoschulen lehren ihren Studierenden, zuerst ein Konzept zu entwickeln und dann dieses Konzept in Fotografie zu übersetzen. Daraus ergibt sich der Titel.

    Im Amateurbereich sieht das etwas anders aus. Der Amateur kann sich eines Themas annehmen und ebenfalls versuchen, eine Idee zu verbildlichen. Er darf seine Fotografie selbstverständlich auch allein unter ästhetischen Gesichtspunkten betreiben. Viel Amateuraufnahmen sind nicht mit einer Botschaft aufgeladen, fordern dem Betrachter keine intellektuelle Leistung ab und sind damit ganz sicher keine Kunst oder vielleicht sollte man sagen keine Kunst im Sinne des Kunstbegriffes der Moderne. Das solche Aufnahmen keinen Titel brauchen, sagt nichts über ihre ästhetische Qualität aus. Allerdings ist der Grad zwischen ästhetisch anspruchsvoll und banal oft ziemlich schmal.

    Und es gibt Meisterwerke der Kunstgeschichte, die mit relativ simplen Bildtiteln daherkommen. Es gibt viele Beispiele, wo der  Bildtitel nicht wirklich konstitutiver Teil des Werkes ist  Der berühmte Maler hätte den Titel auch ruhig weglassen können. Paul Cezanne hat eines seiner Werke, dass er vielfach variiert hat, mit dem Titel „Stillleben mit Obstschale“ betitelt. Vielleicht sollte man hier nicht von Bildtitel sondern von einer Bildbezeichnung sprechen, die nicht Teil des Werkes ist. Die Bezeichnung spielt für den Betrachter keine wichtige Rolle. Ein Meisterwerk des Postimpressionismus bleibt das Stilleben dennoch.

    Fotografen sagen gerne, dass ein Foto für sich wirken muss; ohne Sprache! Gemeint ist das Ideal eines ausdrucksstarken Fotos, dass ohne Sprache auskommen soll. Aus dem oben Gesagten folgt aber, dass selbst im Falle von wirkmächtigen Fotos ein Titel die Botschaft des Bildes verstärken, verändern oder gänzlich neu konstituieren kann. Warum? Weil Fotos und Texte anders mit uns kommunizieren.

    Das Thema ist komplex und vielfältig. Die Bildlinguistik ist ein noch junges Teilgebiet der Sprachwissenschaft. Sie gibt  uns noch keine abschließenden Antworten auf unsere konkreten Fragen. Vielleicht werden wir auch nie ganz verstehen, wie Bilder bzw Bild-Text-Kombinationen mit uns kommunizieren. Könnten wir das verschmerzen? Soviel kann man festhalten, reine Erklärtitel, die das was wir eh schon sehen und verstehen, in Worte zu fassen, braucht niemand. Über den Rest kann man trefflich diskutieren und sich austauschen. Und verschiedener Meinung sein!

    In einem unserer letzten Zoom-Treffen mit den Mitgliedern  des Landesverbandes LV 1 unter Leitung des Vorsitzenden Dr. Uwe Hantke wurde hierzu Gesprächsbedarf signalisiert, den wir gerne aufgreifen werden.

    Christoph Linzbach